Hallo in die Runde,
ich würde gerne meinen Senf dazu geben – nicht als Pro- oder Contra-Position und nicht als „Meinung“, sondern als
repräsentative praktische Erfahrung. Die Einleitung ist nur dazu da, dass ihr seht, dass ich das ernst meine. Wer will, kann direkt zur Schlussfolgerung springen.
1) Vorgeschichte (warum ich mich damit überhaupt so lange beschäftigt habe)
2007 fing ich an, mich für das Thema zu interessieren. Damals noch analog. Sprungantworten störten mich schon immer. Breitbänder klangen für mich aber „falsch“. Ich wollte
Mehrwege mit korrekter Sprungantwort – unbedingt.
Ich versuchte alles auf Brechen und Biegen: Filter erster Ordnung, Annäherungen per analoger Technik, aktiv mit IIR, und diverse Kompromisse nach Lecleach oder Kreskovsky. Dazu hier ein Beispiel:
https://www.audiosciencereview.com/forum...df.251100/
Am Ende debattierte ich sogar mit Entwicklern. Und nach einem Jahr manischen Krampf an Versuchen (intensiv!) gab ich auf. Vorerst. Ich wollte es
real, messbar, im Raum – nicht nur theoretisch („schaut, meine Weiche hat 6dB“).
2007 traf ich Uli Brüggemann. Er schien das Thema zu beherrschen. Aber seine Software war mir damals zu kompliziert und zu teuer für meine Junggesellenressourcen.
2015 begann ich, mich intensiver in FIR einzuarbeiten. Ich kaufte eine
Acourate-Lizenz und fuchste mich manisch hinein – beinahe täglich bis nach Mitternacht. Meine Freundin (ja, hatte ich trotzdem) hielt mich schon für verrückt (blieb aber vorerst). Nach ca. 1 Jahr verstand ich grob, worum es geht. Und nach 5 Jahren konnte ich es sauber in der Praxis umsetzen. Ich behaupte mal: Das Thema ist für mich „abgehakt“. Positiv wie negativ.
2) Erste objektive Praxisprüfung im Raum (2021): Umschalten „Phase korrekt“ vs „Phase fehlerhaft“
2021 wollte ich das Ganze objektiv prüfen. Ich hatte einen
5-Wege-Lautsprecher recht nah an der Idealphase und die Frequenz-Raum-Antwort sauber.
Mit Acourate kann man relativ schnell die gesamte Korrektur in
quasi-IIR (minphasig) wandeln. Man erhält so eine Korrektur
mit Phasenfehlern, aber
ohne Frequenzgangveränderung oder Abstrahlveränderungen (durch Weichen-Änderungen). Dadurch kann man
sofort umschalten.
Das Ergebnis war für mich überraschend: Ich konnte
keinen Unterschied hören in der räumlichen Darstellung der Bühne (Breite, Tiefe, Größe, Holografie, Differenziertheit etc.) – in
gar keinem Aspekt. Alles stand 1:1 wie festgenagelt. Und gerade bei Räumlichkeit sagt man der Phase ja oft die größten positiven Einflüsse nach. Warum dieses Vorurteil so populär ist, erschließt sich mir nicht. Schließlich sind Weichenfehler und Korrektur links und rechts identisch.
Wesentlich wahrscheinlicher wäre für mich ein Einfluss auf die
Impulswiedergabe, weil Phasenfehler das Ausschwingen beeinflussen. Verzögerung ähnlich wie Bassmoden im Raum, als Beispiel. Aber auch das konnte ich nicht raushören. Vielleicht, weil der Raum es 1000-mal schlimmer überdeckt? Wäre technisch logisch…
3) Der finale Test: Kopfhörer statt Raum (damit wirklich nur „Phase“ übrig bleibt)
Man könnte natürlich einwenden: Vielleicht waren meine Umstände nicht gut genug (LS, Raum, Gesamtqualität). Also wollte ich einen Test, reduziert auf das Wesentliche.
Dazu nutzte ich hochwertige Kopfhörer:
Beyer 990 und
Stax SR700. Kein Raum, keine Moden, kein Nachhall, der maskieren könnte. Auch Verzerrungen (IMD, harmonisch) sind i. d. R. deutlich geringer. Lediglich oberhalb 6kHz wird der Frequenzgang bei Over-Ear unzuverlässig -> liegt aber ausreichend hoch, um nicht ins Wesentliche zu fallen.
Wichtig: Die Sprungantwort eines Kopfhörers ist nahezu ideal – eine extrem breitbandige 1-Kanal-Quelle ohne Exzessphasen-Fehler, bis auf marginale Streuung im winzigen Bereich des Hochtons. Nicht aber im Bereich, wo das Ohr phasenempfindlich ist: unterhalb 1000Hz quasi nie.
Für den objektiven Vergleich müssen wir also nur die
Phasenfehler in den Kopfhörer hineinbringen, richtig?
Das ist mit Acourate ziemlich einfach. Man kann marginale bis surreal aggressive Fehler von
10-Wege-Weichen 10ter Ordnung simulieren, bei Ausgabe einer einzigen (verzerrten) Impulsantwort, die trotzdem einen perfekt linearen Frequenzgang durchreicht – von 0Hz bis „unendlich“ hoch.
4) Was hört man dann wirklich? (und wonach muss man überhaupt suchen)
Erstes Fazit:
Normale Fehler sind quasi nicht hörbar.
Kurzer Realitätscheck: Worauf konzentriert man sich überhaupt?
Aus einem früheren Test wusste ich:
Preringing ist schlimmer als Postringing (wichtig: nicht überkorrigieren, lieber ein paar Reste der Phasenfehler drin lassen). Und ich wusste auch, woran man es am ehesten erkennt: an extremer Filtersteilheit.
Bei
1000dB/Oktave -> Oh ja. Das klingt gruselig, wie ein Roboter. Der Bass macht nicht mehr „Tock“, sondern „wwwwwwwwuupp“. Lustig! Es wirkt, als ob jemand die Drums gegen einen kaputten Synthesizer ausgetauscht hätte.
Bemerkenswert: Bei klassischer Musik (weniger Transienten, mehr eingeschwungene Zustände) habe ich sogar 1000dB/Okt nicht herausgehört.
Fokus war für mich damit klar:
Transienten-Schärfe bzw. -Trockenheit, wie auch erwartet. Überraschend nur, dass es im Tiefton so viel stärker auffällt als im Hochton.
5) Zurück zum eigentlichen Thema: Postringing durch Exzessphase analoger Weichen
Ab
96dB/Oktave (16te Ordnung) fing es an. Aber nur im Tiefton, unterhalb
200Hz. Und auch nur, wenn man sehr scharfsinnig konzentriert ist und viel hin- und herschaltet. Dann werden die Drums „maaaaarginal“ dicker – bei gleichem Frequenzgang. So gefühlt wie
0,5dB Bassboost. Also wirklich ein Hauch von Nichts.
Ernüchterndes Resultat. Der ganze Aufwand nur für solche Nuancen?
6) Schlussfolgerung / Empfehlung (was ich daraus mitnehme)
Muss jeder für sich entscheiden. Ich empfehle nur: Das derart
objektiv, rational, vergleichbar, quasi wissenschaftlich zu erforschen. Nicht mit „ähnlichen“ Weichen, die neben „irgendwie anderer Phase“ auch noch anderes Abstrahlverhalten haben – und dann über lange Umschaltzeiten (bis zu Minuten) mit dem Bauch zu hören (samt Erwartungshaltung).
Ich mache es trotzdem gerne – aus Spaß an der Freude. Optimierungszwang. Perfektionismus. Nehm ich gerne mit, wenn’s geht. Aber wenn es nicht ins Konzept passt: kein Beinbruch.