 |
Moin, Kollegen.
Ich muss meinen Ärger endlich mal öffentlich kundtun. Nach etwas Rumprobieren und dem (mehrjährigen) Lesen der Schriften vieler Autoren, die im Internet ihre Ansichten, Erfahrungen und Entwicklungen veröffentlichen, habe ich das Gefühl bekommen, einen gewissen, irgendwie „runden“ Blick auf die Hifi- und Audiowelt bekommen zu haben. Ich möchte hier nicht so weit gehen, von „Überblick über die Materie“ zu schreiben – das wäre vielleicht doch etwas anmaßend für einen Amateur und Autodidakten – aber in manchen Momenten fühlt es sich fast so an.
Warum schreibe ich dann „unangenehm“ in der Überschrift?

Weil der Eindruck, der sich im Laufe meiner Lektüre immer mehr verdichtet hat, für mich genau ein solcher ist: Die kommerzielle Hifi-Welt wird nur von einem Entwicklungsziel getrieben. Bau's billiger! Das Gesamtbild nach meiner Lektüre ist der, dass die Hifi-Welt an allen technischen Weggabelungen den Abzweig zu billigeren, technisch minderwertigen und klanglich schlechteren Lösungen gewählt hat. Und nach wenigen Jahren sinken die meist aufwändigeren, besseren Konzepte in Vergessenheit.
Jetzt wird an dieser Stelle natürlich niemand überrascht sein, das ist mir klar. Vor dem inneren Auge des Lesers tauchen bestimmt die Elektronikmärkte auf und die Lebensmitteldiscounter, die ihre Brüllwürfel mit obskuren „Technischen Angaben“ auf den bunten Verpackungen an den Mann und die Frau bringen.
Die habe ich aber gar nicht im Visier.
Nein, ich ziele mit dieser Aussage auf alle, also auch und gerade auf diejenigen, die von sich behaupten, das Maximale, das technisch Machbare – das „High End“ - anzustreben. „Billig“ steht hier ganz offensichtlich nicht mehr im Fokus, denn was man diesem Teil der Branche zuletzt vorwerfen kann, ist das Verramschen ihrer Ware.

Wie komme ich dann darauf, dass auch diese „Geld-spielt-keine-Rolle-Fraktion“ auf billigen Ansätzen aufbaut? Ganz einfach: Dieser Teil der Branche ist damit ausgelastet, Lösungen auf Probleme anzubieten, die sich bei technisch und wirtschaftlich sinnvoller Auslegung ihrer Entwicklungen gar nicht stellen würden.
Als Ursache hierfür sehe ich am Ende der "Nahrungskette" den äußerst konservativen und bis auf wenige Ausnahmen keinerlei technisches Wissen und physikalisches Verständnis mitbringenden Käufer, dessen Wünsche freimütig von allen Anbietern bedient werden. Ich habe allerdings auch den Eindruck bekommen, dass ein großer Teil der Entwickler und/oder Entscheider in den herstellenden Firmen ebenfalls in dieses Lager einzuordnen ist.
Jedenfalls unternimmt (fast) niemand den Versuch, den Interessenten an die Hand zu nehmen und über wenigstens einige grundlegende Zusammenhänge aufzuklären. Nein, es wird abgezockt mit Voodoo und Hochglanzoberflächen. :thumbdown:
Ja, das heißt in letzter Konsequenz nichts anderes, als dass die Branche entweder von lauter Ahnungslosen bevölkert ist oder die Käufer gegen besseres Wissen hinter's Licht führt.
Eine sehr starke Behauptung aus unberufenem Mund, ich weiß.
Aber ich bin gerne bereit, ein Beispiel zur Verdeutlichung anzuführen, das hoffentlich geeignet ist, den technisch Vorbelasteten unter Euch meinen Punkt unmittelbar klar zu machen (und dies ist nur ein Beispiel, es gibt noch viele andere):
In der Frühzeit von Hifi und PA war Verstärkerleistung extrem schwer zu bekommen und entsprechend kostbar. Lautsprecher hatten also notwendigerweise einen vergleichsweise hohen Wirkungsgrad (5-10 %) und fielen entsprechend groß und teuer aus. Aus der gleichen Notwendigkeit heraus hatten sie, wenn überhaupt, passive Weichen. Die so teuer erkaufte elektrische Leistung wurde von Verstärkern erzeugt, die nach heutigen Maßstäben lächerlich geringe Wirkungsgrade aufwiesen (10-20 %, soviel ich weiß).
Trotz aller Beschränkungen konnten diese Geräte Musik machen. Aber leisten konnte sie sich nur eine kleine Minderheit.
Dann kam in den 60ern der Halbleiter auf breiter Front und krempelte die Elektronik vollständig um. Durch neue Bauteile und Schaltungen konnte der Wirkungsgrad der Verstärker immer weiter gesteigert werden, bis zu den heute möglichen fast 90 %. Verstärkerleistung wurde günstig und war im Überfluss verfügbar – aber wofür wurde sie genutzt?
Der Wirkungsgrad der Lautsprecher ging rapide zurück, bis zu den heute üblichen 0,2 % (85 dB Kennschalldruckpegel)! Welche Nachteile und Probleme das mit sich bringt, weiß der Fachmann.
Wurde wenigstens die mit riesigen Problemen und Kompromissen behaftete Passivweiche verdrängt, weil mehrkanalige Verstärker nicht mehr viel kosten und durch die Heimkinowelle sowieso schon in vielen Haushalten stehen?
Nein! Ein Hifi-System hat auch 50 Jahre später zwei Kanäle und passive Frequenzweichen hinter den Verstärkerstufen! hock:
Dass diese passiven Bauteile in Drei- und Mehrwegesystemen – sinnvolle Auslegung vorausgesetzt – locker die Kosten aller notwendigen Verstärkerkanäle (auch hier sinnvolle, angemessene Auslegung vorausgesetzt) erreichen, ohne ihre Nachteile mitzuschleppen, bleibt wohl noch länger ein schmutziges Geheimnis der Branche. Welche Konsequenz ziehen die Anbieter aus den genannten Rahmenbedingungen? Ganz einfach, die sinnvolle Auslegung wird aufgegeben, und bewusst unterdimensionierte Bauteile in kaputtgesparten Weichen ruinieren die Möglichkeiten des Konzepts.
:thumbdown:
Wohlgemerkt, ich ziele auch hier mit auf die oberen Preisklassen, die genau diese Vorgehensweise, wenn auch auf einem etwas höheren Niveau – seit Jahrzehnten kultivieren.
Der Königsweg zu einer Wiedergabequalität, die vergessen lässt, dass es sich um eine Musikkonserve handelt, und den Live-Charakter glaubwürdig an den Hörplatzholt, ist, wenn man Linkwitz, Olson, Pass und all den anderen folgt, eigentlich seit Jahrzehnten bekannt: Sorgfältig miteinander kombinierte Hochwirkungsgradchassis, die von zu deren Charakter passenden niedrigeffizienten Endstufen angetrieben werden, seien dies Röhren oder Class A-Transistorschaltungen. Bevorzugt in Eintaktschaltung und mit auf die angetriebenen Chassis angepassten Ausgangswiderständen (vulgo "Dämpfungsfaktor").
Kombiniert mit Aktivweichen oder Line Level-Passivweichen (die ebenfalls einen Endstufenkanal pro Zweig erfordern), erscheint dies als der vielversprechendste Ansatz.
Warum?
Niedrieffiziente Chassis laufen schnell in die Kompression (auch bei Wohnzimmerpegeln) und kämpfen mit Nichtlinearitäten und Verzerrungen ihres viel zu langhubig ausgelegten Antriebs.
Hochwirkungsgradchassis kennen keine Kompressionseffekte bei Hifi-Pegeln und spielen im Milliwattbereich absolut locker und linear auf.
Hocheffiziente Endstufen erzeugen durch ihre vielen Verstärkungsstufen und die hohe Gegenkopplung Übernahmeverzerrungen, sehr breitbandige Klirrspektren und extrem hohe Klirrimpulse.
Eintaktschaltungen in Class A erzeugen fast nur k2 und verhalten sich unter allen Umständen äußerst gleichmäßig und linear.
Ist alles nachzulesen bei den oben genannten Autoren. Unter anderem sogar auch, warum die Prospektangaben trotzdem immer so beeindruckend aussehen.

Was Passivweichen anrichten, brauche ich hier nicht wiederzukäuen, denke ich.
Selbstverständlich bedeutet das Verfolgen der oben beschriebenen, vielversprechenden Ansätze ein komplettes Infragestellen aller althergebrachten, üblichen Gewohnheiten der Hifi-Welt. Und es erfordert zwingend eine Kette, deren Glieder sorgfältig aufeinander abgestimmt sind.
Genau hieran krankt die kommerzielle Hifi-Welt. Alles muss untereinander kombinierbar sein, und der Kunde, der für viel Geld eine Endstufe gekauft hat, erwartet, dass diese mit jeder Vorstufe und jedem Lautsprecher zusammenspielt. Meistens wird sie das auch - irgendwie. Denn tatsächlich kocht jeder Hersteller sein eigenes Süppchen, wacht eifersüchtig über seine Schaltungen und "Tricks" und ist meist nicht einmal selbst in der Lage, sauber aufeinander abgestimmte Komponenten anzubieten.
In welchem Prospekt sind Eingangsimpedanzen und -Kapazitäten der angebotenen Geräte angebenen? Oder die Ausgangsimpedanzen und bevorzugt getrieben Lastimpedanzen?
Der Käufer nimmt statt dieser obskuren Zahlen, "die niemand braucht", bestimmt viel lieber ein Zauberkabel, das bei Mondlicht von Jungfrauen geweiht wurde und "den Charakter der Anlage um 180° zu drehen vermag". Vermutlich schon durch bloßes Danebenlegen. chnarch:
Jetzt seid Ihr dran.
Grüße,
Axel
|